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Ihr Weg zur Sammlung

Ihr Weg zur Sammlung

DIETER MEIER
WORKS 1969 – 2011 AND THE YELLO YEARS
Erstmalig zeigen die Deichtorhallen Hamburg das vielfältige Werk des Zürcher Künstlers und Multitalents Dieter Meier in einer umfassenden Museumsausstellung vom 25. Juni bis 4. September 2011 in der Sammlung Falckenberg (Phoenix-Werke, Hamburg-Harburg). In den 80er Jahren wurde Meier einem großen Publikum als Teil des Musikduos YELLO bekannt, das heute zu den einflussreichsten Elektro-Pop-Acts überhaupt zählt. Darüber hinaus war Dieter Meier als Film- und Videoclip-Regisseur tätig. Seine Musikvideos für die Gruppe YELLO haben das Genre nachhaltig geprägt und waren dauerhaft auf MTV zu sehen. Weit weniger bekannt ist das Werk Dieter Meiers als Konzept- und Performancekünstler, dessen Ursprung bis in die späten 60er Jahre zurückreicht.
Mit seinem radikalen und absurd-humorvollen Situationismus, der ihn immer wieder zu Aktionen auf öffentlichen Plätzen und unmittelbaren Auseinandersetzungen mit Passanten inspirierte, begann Meier neue Freiräume zu erkunden. 1970 ging er für eine Ausstellung in München zwölf Stunden lang durch die Stadt und markierte mit gestempelten Uhren-Aufklebern jede Minute, wo er gegangen, gestanden oder ausgeruht hatte. Im Kunstmuseum Luzern stempelten Besucher an einer Stechuhr die Zeit ab, welche sie in einem leeren Raum verbracht hatten. Der Sinn sei gewesen, "(...) dass sie mir ein oder zwei Minuten ihres Lebens gewidmet haben", sagt Meier. Im ICA London zeigte Meier einen Film mit der Anweisung, die Besucher mögen sich das weiße, große Blatt Papier, das sie an der Kasse bekommen hatten, jetzt bitte zehn Minuten lang vor die Augen halten. „Das war dann der Film", sagt Meier. In München baute er in einem Hof einen großen Holzkubus auf, suchte aus dem Telefonbuch 30 Personen heraus, die er einlud, ihm zuzusehen, wie er sich eine Stunde lang im Kubus aufhalten würde - die Aktion fand statt, vor einem einzigen Besucher.
Für ein Fotoprojekt formte Meier 1976 Figuren aus Puderzucker und Knete, um sie kurz darauf zu zerstören. Im selben Jahr stellte Meier 48 imaginäre Biografien im Kunsthaus Zürich aus. Doch Meier hatte genug vom „Kunstrennen“ und gründete gemeinsam mit Boris Blank das Duo YELLO. Mit Stücken wie „The Race“ oder „Oh Yeah“ feierten YELLO Erfolge in den internationalen Charts; viele Stücke des Duos wurden in den 80er Jahren für TV-Sendungen und Spielfilme verwendet. In den Musikvideos von YELLO ist der Einfluß von Dieter Meiers frühen Arbeiten deutlich zu erkennen: So tauchen die Knetfiguren, von Meier „Lost sculptures“ genannt, im Video zu „Pinball Cha Cha“ (1982) wieder auf.
Vor einem Jahr öffnete Dieter Meier erstmals sein künstlerisches Archiv für die Ausstellung „En passant“ im Berliner Projektraum der Galerie Grieder Contemporary. Die teilweise verschollen geglaubten Fundstücke werden nun in der Ausstellung WORKS 1969 – 2011 AND THE YELLO YEARS umfangreich gezeigt. Auf drei Stockwerken sind frühe Experimentalfilme, Kunst-Konzept-Aktionen ab 1969 und Arbeiten von YELLO zu sehen.

Großzügige Prints von Aktionen, unbekannte Serien mit Bice Curiger, die rätselhafte Objekte präsentiert, ein exzentrischer Film von Peter Sempel mit Archivmaterial, ungehörte Tonaufnahmen von Dieter Meier aus der Zeit vor YELLO und Probeaufnahmen für Videos - die Sammlung Falckenberg bietet mit ihren Seh-Fluchten einen idealen Ort, um zu zeigen, wie vernetzt die scheinbar zufälligen Werkgruppen sind.

Dieter Meier beschäftigt das Phänomen der Zeit: seine Aktionen sind meist bürokratisch genau angekündigt und terminiert. Der scheinbaren Banalität und Unsinnigkeit vieler seiner Aktionen steht schließlich die gesteigerte Erwartungshaltung des Publikums gegenüber. Doch Meier erschafft bewußt Unbedeutendes, gibt der Sinnlosigkeit Raum. Der krampfhaften Suche nach Sinnhaftigkeit und künstlerischen Bedeutungsmustern setzt Dieter Meier eine rasende und radikale “Unbedeutung“ entgegen.

Dieter Meier wurde 1945 in Zürich geboren. Neben seiner Arbeit als Musiker und Künstler ist Dieter Meier Schriftsteller (Hermes Baby, Ammann Verlag, Zürich; Die Maske des Erzählers 2012, Kiepenheuer & Witsch), Kinderbuchautor (Windjo, Limmatverlag, Zürich; Oskar - wie ein Tiger, Kein & Aber, Zürich) und Filmemacher (81'000 Einheiten, Jetzt und Alles, Lightmaker). Er war professioneller Pokerspieler, entwarf Uhren und betreibt in Argentinien biologische Landwirtschaft, Rinderzucht und Weinbau. Seine Produkte verkauft er in Deutschland, USA, der Schweiz und in seinem Laden für argentinische Produkte „Ojo de Agua“ in Zürich.